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Ethik

Je bedeutsamer Ethik wird, je mehr von Ethikkommissionen erwartet wird, desto wichtiger ist die Frage, was Ethik ist und was nicht, was man also von der Ethik als wissenschaftlicher Disziplin erwarten kann und soll und was nicht.


Werte bestimmen Entscheidungen

Ethik ist zu verstehen als "Reflexionstheorie von Moral". Moral hingegen bezeichnet als Fachbegriff sowohl das, was man mit diesem Wort im Alltag bezeichnet, als auch generell Wertesysteme. Jede Gesellschaft hat ein Wertesystem, wobei dieses eher streng oder aber relativ weit sein kann. Auch jede Person hat ein Wertesystem, wobei es sehr unterschiedlich ist, ob und wie sehr Menschen ihr eigenes Wertesystem überhaupt bewusst ist. Auch jede Unternehmung und jede andere Organisation hat ein Wertesystem. Wir handeln - unabhängig davon, wie bewusst uns das ist - immer in Abhängigkeit von gesellschaftlichen und eigenen Werten. Entscheidungen in Organisationen sind von deren Wertesystem stark mitbestimmt: Wertpräferenzen geben Prioritäten vor und legen bestimmte Entscheidungen nahe.

Diese Wertesysteme sind kulturell und individuell verschieden. Ausserdem können sie sich im Verlauf der Zeit verändern: Sowohl die kulturellen Wertesysteme verändern sich mit der historischen Entwicklung, als auch die moralischen Vorstellungen der einzelnen Menschen im Verlauf ihrer eigenen Biographie. Auch die Wertesysteme von Organisationen sind entwicklungsoffen.


Ethik erarbeitet Grundlagen für aktive Wertsetzungen und bewusste Entscheidungen

Ethik ist die Disziplin, die solche Wertesysteme reflektiert. Dies beginnt in den meisten Fällen damit, zunächst das Wertesystem überhaupt sichtbar zu machen. Denn Moral ist meist so sehr internalisiert, dass wir uns erst im Verlaufe eines Reflexionsprozesses bewusst werden können, welches unsere wichtigen Werte sind. Dies gilt sowohl für die Individuen als auch für die Wahrnehmung gesamtgesellschaftlicher Werte.

Ethik ist somit die wissenschaftliche Disziplin, die es sich zur Aufgabe macht, diese Wertesysteme transparent zu machen. Danach kann sie ihre Hauptaufgabe in Angriff nehmen: Wertereflexion bedeutet vor allem, unterschiedliche mögliche Werte zu vergleichen und die Argumente für und gegen bestimmte Werte abzuwägen. Man kann daher auch, etwas vereinfachend, sagen: Ethik ist Wertediskussion auf wissenschaftlichem Niveau.

Definiert man Ethik so, kann leicht eine Emotion entstehen, die sich im Satz zusammenfassen liesse: Wertediskussionen haben wir schon genug. Allerdings ist eher das Gegenteil der Fall: Wertepropaganda und Pseudodiskussionen haben wir schon genug. Offene Diskussionen, in denen es wirklich darum geht, gemeinsam herauszufinden, welche Werte denn am meisten überzeugen können, welches die wichtigen Argumente sind und was das dann konkret bedeuten könnte, gibt es hingegen viel zuwenig.

An scheinbarer Wertediskussion, ans Pseudoargumentationen, denen es nicht um eine offene Diskussion, sondern um Propaganda der eigenen Meinung geht, hat die Ethik als wissenschaftliche Disziplin wenig Interesse. Dieses Desinteresse geht so weit, dass es in der "scientific community" der Ethikerinnen und Ethiker eine namhafte Anzahl von Fachpersonen gibt, welche der Meinung sind, die Ethik solle ganz davon Abstand nehmen, bestimmte Werte zu empfehlen und sich nur auf die Analyse der Argumente für und wider konzentrieren. Die Arbeit der Ethik wäre also abgeschlossen, wenn die wichtigen Argumente einer bestimmten Frage zu Werten erschöpfend dargestellt sind. Auch wenn das umgekehrt vielen Ethikerinnen und Ethikerinnen zu wenig weit geht, ist dieser Schritt doch als Hauptarbeit zu verstehen.

Die Ethik ist gegenwärtig eine stark praxisbezogene Disziplin. Bis vor einigen Jahrzehnten zogen Grundfragen relativ viel Aufmerksamkeit der Forschung auf sich. Gegenwärtig stehen - auf dem Hintergrund dieser Grundlagenforschung - Fragen der sogenannten "angewandten Ethik" stärker im Zentrum. Ethikberatung gewinnt an Bedeutung.

Kompakte Fachliteratur bietet gute Einführungen rund um die Fragen, was Ethik ist und welche Strömungen der Ethik es gibt.